Ideacon

Praxisbeispiel: Bewertung der Produkt-/Projektreife von E/E-Komponenten in der Automotive-Entwicklung

Ausgangssituation und Auftrag

Rund 20 Monate vor einem wichtigen Fahrzeuganlauf stand der Qualitätsbereich eines Automobilherstellers vor einer heiklen Frage: Wie reif sind die Komponenten einer komplett neuen Steuergerätearchitektur wirklich? Eine Vielzahl elektrischer und elektronischer Komponenten (E/E), vor allem Steuergeräte, musste einheitlich und neutral bewertet werden. Genau daran scheitern solche Bewertungen häufig: Neue Funktionen und komplexe Wirkketten lassen sich schwer über einen Kamm scheren, und jedes Entwicklungsteam bewertet den eigenen Stand naturgemäß milder als ein Außenstehender.

Ideacon erhielt den Auftrag, die Projekt- und Produktreife dieser Komponenten zu bewerten, übergeordnete Probleme und Risiken zu konsolidieren und damit den Ressourceneinsatz auf die wirklich kritischen Themen zu lenken. Der Blick ging dabei über die einzelnen Komponenten hinaus: Auch Probleme und Risiken in den Entwicklungsprozessen selbst sollten identifiziert und mit konkreten Maßnahmen belegt werden. Das Ziel: den Fahrzeuganlauf absichern.

Vorgehen

Als schnelle Eingreiftruppe entwickelte Ideacon gemeinsam mit dem Kunden ein Workshop-basiertes Vorgehen für eine erste Welle mit 13 Komponenten. Jeder Workshop verfolgte zwei Ziele: aktuelle Probleme und kritische Risiken offen dokumentieren und diskutieren sowie die Reife zur jeweiligen Entwicklungsphase anhand eines vordefinierten Fragensets bewerten. Das Fragenset schafft dabei die Vergleichbarkeit, die Einzelbewertungen nie erreichen: Jede Komponente beantwortet dieselben Fragen, unabhängig davon, wer im Raum sitzt.

Ideacon entwickelte das Fragenset, organisierte und moderierte die Workshop-Serie und leitete aus den identifizierten Risiken konkrete, vereinbarte Maßnahmen ab. Das galt für Komponenten wie für Prozesse gleichermaßen: Wo die Workshops Schwachstellen im Entwicklungsablauf sichtbar machten, wurden diese ebenso mit Maßnahmen und Verantwortlichen hinterlegt. Die Entwicklungsteams investierten dafür wenige Stunden statt Wochen. Risikotransparenz entstand pragmatisch, ohne die ohnehin knappen Entwicklungsressourcen zusätzlich zu belasten.

Ergebnis und Kundennutzen

Der Kunde erhielt erstmals eine einheitliche, transparente Übersicht über Probleme und Risiken in der E/E-Entwicklung – darunter Themen, die zuvor niemand auf dem Radar hatte, auf Komponenten- wie auf Prozessebene. Kein identifiziertes Risiko blieb ohne vereinbarte Maßnahme. Kritische Punkte ließen sich übergeordnet adressieren, Ressourcen gezielt dorthin steuern, wo der Anlauf tatsächlich gefährdet war.

Das deutlichste Signal für den Nutzen lieferte der Kunde selbst: Nach der ersten Welle weitete er das Vorgehen als Best Practice auf 30 Komponenten und Funktionen aus. Ideacon entwickelt die Methodik seither gemeinsam mit dem Qualitätsmanagement kontinuierlich weiter. Denn eine Reifebewertung ist nur so gut wie ihre letzte Anpassung an das, was in der Entwicklung wirklich passiert.

Übertragbarkeit: vom Fahrzeuganlauf zum Verteidigungsprogramm

Das Grundproblem dieses Falls ist nicht automotive-spezifisch. Auch in Defence- und Aerospace-Programmen müssen komplexe elektronische Systeme lange vor der Auslieferung neutral bewertet werden: bei Meilenstein-Reviews, vor Design-Freezes oder im Vorfeld von Qualifikationsnachweisen. Die Ausgangslage ist dieselbe. Viele Komponenten, viele Zulieferer, komplexe Wirkketten, dazu Entwicklungsteams, die den eigenen Reifegrad naturgemäß optimistischer einschätzen als ein neutraler Blick von außen.

Hier setzt das Vorgehen an. Ein standardisiertes Fragenset macht Systeme vergleichbar, die sich fachlich kaum vergleichen lassen. Moderierte Workshops erzeugen Risikotransparenz, ohne die Entwicklungsteams wochenlang zu binden. Und die Konsolidierung auf Programmebene zeigt, wo Ressourcen wirklich fehlen statt dort, wo am lautesten eskaliert wird. In Verteidigungsprogrammen mit ihren langen Laufzeiten und harten Terminketten wiegt dieser Punkt sogar schwerer als im Automobilbau: Ein verpasster Meilenstein gefährdet dort Vertragsstrafen, Folgeaufträge und im Zweifel die Einsatzfähigkeit.

Ehrlich gesagt gehört auch das dazu: Das Fragenset selbst lässt sich nicht eins zu eins übernehmen. Defence-Programme folgen anderen Reifegradlogiken wie Technology Readiness Levels, Qualifikationsstufen oder luftfahrtrechtlichen Nachweisen. Die Methodik überträgt sich, die Inhalte müssen neu erarbeitet werden. Das ist zugleich der Kern des Vorgehens: Der Rahmen steht, die Fragen entstehen mit dem Kunden.

Senior Consultant

Lars Busch